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Die Erd‘ ist aufgegangen

Victor Glover schaut aus dem Fenster und sieht die Erde aufgehen. Zusammen mit zwei Kollegen, Reid Wiseman und Jeremy Hansen, und einer Kollegin, Christina Koch, ist er unterwegs, einmal von der Erde zum Mond und zurück. Am 6. April 2026 um 22.20 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit blickt er aus dem Fenster, sieht vor sich die Mondoberfläche und dahinter die Erde – eine kleine, blaue Kugel, von der Sonne beschienen und ansonsten umgeben vom Schwarz des Alls. Dort ist er zuhause. Ein Wunder, dass in der Unendlichkeit des Nichts ein solcher Ort existiert. Ein Ort, an dem er leben kann.

Es ist der Augenblick kurz bevor seine kleine Raumkapsel völlig hinter dem Mond verschwinden wird. Die Verbindung nach Hause wird abreißen dort im Schatten des Mondes. 406.771 Kilometer entfernt von zuhause, eben in jener Unendlichkeit allein mit seinen drei Kollegen in einer winzigen Kapsel, weniger als ein Staubkorn im All – da sendet er noch einmal eine Nachricht an seinesgleichen auf der Erde. Was soll man sagen, wenn man die Erde so sieht, aus 406.771 Kilometer Entfernung – so weit weg war noch kein Mensch vor ihm.

Die Erd’ ist aufgegangen
und winz’ge Sterne prangen
im All so groß und leer
Schwebt da so blau und schweiget
und aus dem Nichts aufsteiget
was uns die Heimat ist und mehr.

Noch ein letzter Blick, bevor Victor Glover im Mondschatten verschwindet. Da sieht er das Blau der Ozeane herüberschimmern und muss plötzlich an eine kleine Meerenge denken, vielleicht dreißig Kilometer breit, weniger als ein Nadelöhr im kosmischen Vergleich. Auf diesem kleinen Pfützchen Wasser schwimmen hunderte von Schiffen, kommen nicht vom Fleck, weil Raketen über sie hinweg fliegen, weil Minen explodieren könnten, weil der Streit um Macht und Öl alles lähmt.

Da sieht er aber auch das Weiß der Wolken, die über den Garten hinweg ziehen. Der Garten hinter dem Haus seiner Eltern, der Garten, in dem die Schaukel steht. Auf ihr hat er als kleines Kind gesessen und ist in den Himmel hinauf geflogen, den Wolken entgegen, aberwitzig schnell und hoch für so ein kleines Kind. Aber die Begeisterung, in den Himmel schaukeln zu können, war immer größer als die Angst. Heute, vielleicht in diesem Augenblick, da er aus dem Mondschatten hinüber blickt, sitzt dort seine eigene Tochter und schaukelt – dem Papa da oben entgegen.

Diese Erde, so denkt er aus der Ferne, so verletzlich und doch so schön. Eine Heimat ist sie, ein Geschenk, das es zu würdigen gilt, zu bewahren. Ein Schatz, der uns unverdient gegeben ist und den wir weitergeben an unsere Kinder.

Wie ist die Erd so stille
verletzlich ihre Hülle
so reich, so schön, so hold
Wie ein Geschenk, ein Segen,
kann sie ein Herz bewegen,
das ihr bewahr’n und pflegen sollt.

Auch aus der Entfernung sieht man Licht und Schatten auf der Erde. So wie wir den Mond sehen, so sieht Victor Glover die Erde: Mal als Sichel, mal halb, mal rund und schön. Und er weiß doch, dass da immer mehr Erde ist als er sehen kann. Das treibt ihn als Wissenschaftler an: Es gibt immer noch so viel zu entdecken. Es gibt immer mehr als wir verstehen und sehen. Wir haben das Wunder und all die Geheimnisse, die ganze Vielfalt und Tiefe längst noch nicht entschlüsselt.

Sein Flug ins All entlarvt alle Überheblichkeit. Alle schnellen Vor-Urteile. Alles selbstsichere Lachen bleibt ihm im Hals stecken. Denn es kennt nur die halbe Wahrheit – höchstens. Oder nur eine schmale Sichel vom vollen, runden Leben. Selbst der Mensch, den er liebt, behält sein Geheimnis. Seine wirkliche Größe erahnt er nur.

Seht ihr die Erd’ dort stehen,
sie ist nur halb zu sehen
und ist doch rund und schön.
So sind wohl alle Sachen,
die wir so stolz belachen,
als kleine Geister nicht verstehn.

Da muss man erst 406.771 Kilometer weit weg fliegen und zurückschauen, um zu erkennen, dass diese Erde so klein ist im unendlichen All, und doch so groß und schön. Dass die Menschen, denen sie das Leben ermöglicht, noch viel kleiner sind, und sich doch für die Allergrößten halten. Aus der Ferne sieht er auf den Größenwahn, den aberwitzigen Versuch, größer zu werden, indem man andere klein macht, niederdrückt oder ihnen gleich ganz das Leben nimmt.

Es schaudert ihm ein wenig: So sind wir Menschen. Begabt. Großartig. Einzigartig. Doch trotz aller unserer tollen Fähigkeiten scheitern wir so oft. Das erschreckt ihn. Ich wünsche und plane – und laufe doch am Ziel vorbei. Ich rede und diskutiere – und finde keine Lösung. Ich denke und forsche – und verstehe nicht wirklich. Was ich zustande bringe – Luftgespinste. Sie verwehen im Wind.

Wir stolzen Menschenkinder,
wir Helden, wir Erfinder,
wir wissen gar nicht viel.
Wir basteln unser Leben,
wir träumen, denken, streben
und kommen weiter weg vom Ziel.

Was also bleibt ihm nun noch zu sagen, kurz bevor der Funkkontakt abbricht und er in den Mondschatten eintaucht? So weit entfernt, die kleine Erde im Blick. Er macht aus seinem Herzen kein unerforschliches tiefes Dunkel, sondern sagt, was ihm nun, in diesem Augenblick als das Allerwichtigste erscheint: Allein die Liebe zählt. Was sollte wichtiger sein, als dass wir lieben?

Und er gibt der Liebe einen Namen: Jesus Christus. Und in ihm verkörpert: Gottes Wesen – die Liebe. Liebe deinen Nächsten – so dröhnt es über dem Meer, dort wo die Raketen fliegen und Drohungen in der Luft liegen. Liebe deinen Nächsten – so flattert es durch die Luft auf der Schaukel im Garten, bis zum Himmel hoch. Liebe Gott. Auch wenn du ihn nicht kennst, auch wenn er dir ein Geheimnis ist – und du doch ahnst, dass du beschenkt bist, über alles Verstehen und Verdienthaben hinaus.

Gott, lass uns Liebe sehen,
mehr ahnen als verstehen,
was uns hier trägt und hält.
Lass uns Vertrauen wagen,
und öfter Danke sagen,
in unsrer kleinen großen Welt.

Dann kommt der Schatten. Er taucht hinein. Ist hinter dem Mond. Im Dunkel. Allein. Die Erde ist verschwunden. Er kann nicht anders als darauf zu vertrauen, dass sie wieder auftauchen wird auf der anderen Seite. Dann wird er zurückkehren und nicht mehr derselbe sein.

42 Minuten wird der Weg durch den Schatten dauern, haben sie ihm gesagt. Nun ist nichts mehr zu tun. Im Dunkel schließt er die Augen. Das All, das ihn umgibt, hat eine Temperatur von etwa minus 170 Grad. Kalt ist es hier. Er hört seinem eigenen Atem zu, spürt sein Herz schlagen. Er kann nun schlafen. Eine kleine Weile wenigstens. Sich dem Vertrauen überlassen, dass er nicht verloren geht 406.771 Kilometer entfernt von der Erde. Dass die Sonne wieder aufgehen wird, und die Erde auch. Im Vertrauen schlafen. Er wünscht sich, all die Seinesgleichen dort auf der Erde könnten das auch.

So legt den Kopf nun nieder
dankt und vertraut jetzt wieder
kalt ist des Himmels Hauch.
Den Schlaf soll Gott dir schenken
Lieb und Vertrauen lenken
für dich und deinesgleichen auch.

(Lutz Tietje)

 

Die Worte von Victor Glover im Original:

„Vielen Dank an euch alle, dass ihr uns dieses große Privileg ermöglicht,
diese Reise gemeinsam zu erleben. Es ist wirklich erstaunlich.
Während wir diese Reise fortsetzen und dabei an die Mission von NASA
denken — das Unbekannte in Luft– und Raumfahrt zu erforschen, zum
Wohle der Menschheit zu innovieren und die Welt durch Entdeckungen
zu inspirieren — und während ihr uns auf dieser Reise begleitet habt,
hoffen wir, dass wir genau das erreichen.

Und während wir uns dem mondnächsten und zugleich erdfernsten
Punkt nähern und weiterhin die Geheimnisse des Kosmos
entschlüsseln, möchte ich euch an eines der wichtigsten Geheimnisse
auf der Erde erinnern — und das ist die Liebe.
Christus sagte auf die Frage nach dem größten Gebot, dass man Gott
mit allem lieben soll, was man ist. Und er, als großer Lehrer, sagte auch:
Das zweite ist ihm gleich — nämlich seinen Nächsten zu lieben wie sich
selbst.

Und während wir uns darauf vorbereiten, den Funkkontakt zu
unterbrechen, spüren wir weiterhin eure Liebe von der Erde. Und euch
allen dort unten auf der Erde und rund um die Erde sagen wir: Wir
lieben euch vom Mond aus.“

„Houston hat verstanden. Wir sehen uns auf der anderen Seite.“

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