09 Herz verknackst
Ich fürchte, der Advent hat sich das Herz verknackst. Es muss schon vor ein paar Tagen gewesen sein, aber ich habe es erst heute gemerkt. Als er so traurig vor mir stand, habe ich ihn einfach ganz direkt gefragt: „Was ist denn los? Du siehst traurig aus.“ Da brach es aus ihm heraus: „Sie haben einfach ohne mich angefangen!“
Ich nicke bedächtig, und dann gibt es kein Halten mehr. Dass er sich solche Mühe gegeben habe, so gut vorbereitet war, nur um am 1. Dezember festzustellen: Sie haben nicht auf ihn gewartet. Der Weihnachtsmarkt schon seit zwei Wochen im Gange, sogar mit Riesenrad auf dem Platz vor dem Parlament. Lichterketten in allen Bäumen, Lebkuchen, Tannengrün, im Supermarkt Kisten voller Clementinen, Mandeln, Walnüsse. Und er habe sich ganz verloren gefühlt und vergessen. Hielt seine Kerze in der Hand, aber keiner bemerkte ihn.
Wer achtet auch schon auf eine Kerze, wenn man seit Wochen in einem LED-Feuerwerk steht? Wer hört schon auf ein zart gesungenes „Wie soll ich dich empfangen?“, wenn schon längst „Last christmas“ über den Marktplatz dröhnt?
Ich lege dem Advent meine Hand auf die Schulter. Dass das doch nichts Neues ist, sage ich jetzt lieber nicht. Es rührt mich, dass er nach all den Jahren noch so empfindsam ist. Also schenke ich ihm mein schönstes Lächeln, sage „Fürchte dich nicht“ und überreiche ihm feierlich eine Schachtel Streichhölzer.




