06 Nikolaus
Der Fremde vor der Tür sieht mich erwartungsvoll an. So früh am Morgen habe ich nicht mit Besuch gerechnet. Ich seufze und sage: „Ich gebe nichts.“ „Schon gut“, sagt der Fremde, „ich bringe etwas.“ Er hält mir einen Kinderschuh hin, in dem eine Mandarine steckt. Ich schaue auf den Schuh, dann ihm ins Gesicht. „Bist du es etwa? Der Nikolaus? Ich hätte dich fast nicht erkannt. Du hast dich, nun ja, verändert.“
Er grinst nur und schiebt mir seine Hand mit dem Schuh ein Stück weiter entgegen. Ich nehme vorsichtig die Mandarine aus dem Schuh und schaue in das glatt rasierte Gesicht, die großen grünen Augen, betrachte den akkuraten Scheitel, den roten Kapuzenpullover mit dem Aufdruck „Moin“. Das „o“ hat die Form eines Herzens. „Danke“, sagt er, „das nehme ich als Kompliment. Ich brauchte mal eine Typveränderung. Nach 1700 Jahren wird es Zeit.“
Aber wo ist dein Bart, will ich sagen, komme mir im selben Augenblick aber albern vor. Stattdessen sage ich: „Wo ist dein Hirtenstab? Und deine Mitra?“ – „Du hast mich auch ohne erkannt. Das freut mich. Ich mache weiter das, was ich am besten kann: Freude schenken, ein Lächeln herbeizaubern, Herzen erwärmen.“ Ich muss lächeln. Wenn 1700 Jahre alte Männer sich verändern können, dann kann das jeder.




